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Über Peter Bulthaup

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Dilemma

Biographische Angaben über Peter Bulthaup zusammenzustellen, führt diejenigen, die ihn kannten, in ein Dilemma:

Einerseits vermied Bulthaup es in Lehrveranstaltungen fast immer, über die Vita der zu behandelnden Autoren irgendetwas mitzuteilen, da solche Informationen zum Verständnis der Sache nichts beitrügen. Als ideale Biographie galt diejenige, die Heidegger von Aristoteles gegeben hatte: „Er wurde geboren, arbeitete und starb.“ Philosophie war für Bulthaup mit dem Anspruch verbunden, die kritische Theorie seiner Lehrer Adorno und Horkheimer – und vor allem die gesellschaftstheoretischen und philosophiegeschichtlichen Bedingungen jener Theorie – mit argumentativer Präzision zu betrachten, die der in den Naturwissenschaften geübten Praxis nicht nachstand. Philosophie war in diesem Sinn exakte Wissenschaft, deren Wahrheitsgehalt ebenso überprüfbar sei wie der einer physikalischen Berechnung. Das allerdings war nicht im Geringsten positivistisch zu verstehen.

Andererseits war Bulthaups philosophische Lehre durchaus von seiner Person bestimmt, weil der kompromisslose Wahrheitsanspruch eben nicht positivistische Attitude, sondern Ausdruck der politischen Persönlichkeit war. Die Rückgezogenheit am Rande des akademischen Betriebs, in der Bulthaup spätestens seit Mitte der 1980er Jahre arbeitete, ist eine Konsequenz aus der Erfahrung, dass mit einem wissenschaftlichen Anspruch auf Wahrheit in der ‚scientific community‘ nicht durchzudringen sei. So zeugen viele Briefe aus dem Nachlass von Auseinandersetzungen mit Kollegen und Gremien. Die Vorstellung, die Peter Bulthaup sich vor seinem Einstieg in den Betrieb von diesem gemacht hatte – „Ich dachte, ich erkläre den Leuten, wie Philosophie geht und verbringe den Lebensabend bereits im Altersheim ‚Rote Sonne‘.“ – erwies sich sehr schnell als Illusion, die mit den Kommilitonen, die im ‚langen Marsch durch die Institutionen Tritt gefasst hatten‘, zurückblieb. Diese Erfahrungen können vielleicht einen Teil der persönlichen Verve erklärlich machen, mit der Bulthaup an der Wahrheit des philosophischen Gedankens festhielt, sowohl gegen den akademischen Betrieb als auch gegen die eigene Depression. Vor allem aber war Bulthaup eben ein politischer Philosoph, gerade auch dort, wo sonst politische Philosophie nicht vermutet wird, in Metaphysik und Erkenntnistheorie oder auch in der Ästhetik. Das lag daran, dass er ein politischer Mensch war, der sich bei jedem Gedanken dessen bewusst war, dass er in einem bestimmten und bestimmbaren Verhältnis zu den politischen Bedingungen steht, unter denen er gedacht wird. Daher waren Vorlesungen und auch Seminare häufig eingeleitet und durchwirkt von tagespolitischen aber auch ganz persönlichen Bemerkungen, oft mit heftiger Polemik vorgetragen, manchmal aber auch in einem sehr persönlichem Ton. Erstaunlicherweise ermäßigt dieser Umstand aber die Stringenz der Argumentation nicht, die in den wenigen Publikationen, aber auch bei Vorträgen eine strenge Geschlossenheit zeigt. Das war nicht allein der Systematik des wissenschaftlichen Gedankens geschuldet, sondern auch dem Ernst der Sache, der vielleicht das eigentlich schreckende der Darstellung bestimmt. Anders als viele andere Schüler Adornos, hat Bulthaup sich nicht zu positivistischen Auswegen aus der Negativität materialistischer Dialektik verstiegen.

Angaben zur Person...

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